Stellungnahme zu jüngsten Artikeln, die vegane Ernährung bei Kindern und Jugendlichen als gefährlich darstellen

Ein paar Tage vor Weihnachten 2015 sagte der Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) in einem Interview zur Bild-Zeitung, dass eine vegane Ernährung für Kinder und Jugendliche zu gefährlicher Mangelernährung führe und ungeeignet wäre1. Wie ein Lauffeuer machte dieser Kommentar von Schmidt in Deutschland die Runde und wurde von vielen namhaften Blättern zitiert. Damit einher ging insbesondere eine Pathologisierung von Veganismus. So sagte der Mediziner Berthold Koletzko zum Focus-Magazin, dass eine vegane Kindesernährung aufgrund eines B12-Mangels zu schweren neurologischen Schäden bis hin zu einer dauerhaften Behinderung bei Kindern führe2. Demnach wäre B12 ausschließlich in tierischen Produkten verfügbar. Vegane Eltern könnten sich daher unter Umständen aufgrund dieser Ernährungsform der schweren Kindesvernachlässigung schuldig machen2.

Aufgrund der aktuellen Brisanz des Themas möchten wir Stellung zu diesen Vorwürfen nehmen.

Besonders erstaunlich ist, dass Schmidt seine Bedenken gegenüber einer veganen Ernährung vor dem Erscheinen des jährlichen Fleischatlas geäußert hat. Dieser wird von der Heinrich Böll Stiftung gemeinsam mit der NGO Bund für Umwelt und Naturschutz herausgebracht und nimmt die tierwirtschaftende Industrie und den Konsum von tierischen Produkten in den Fokus ihrer Arbeit3. In der aktuellen Ausgabe kann man lesen, dass der Fleischkonsum in Deutschland insgesamt zurück gegangen ist und weiter zurück geht. Circa 1,1 Millionen Veganer/innen gibt es bereits in Deutschland und ein zehnfaches mehr an Vegetarier/innen. Man darf vermuten, dass Schmidt und sein Ministerium nicht viel Gefallen daran finden. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ist – wie im Titel offensichtlich – zuständig für zwei Themengebiete, die sich in der Arbeitsbewältigung günstigerweise nicht widersprechen sollten: Das BMEL fördert und begünstigt die Agrar- und Lebensmittelwirtschaft und steht Veganismus grundsätzlich antagonistisch gegenüber, da eine vegane Ernährung durch den Boykott tierlicher Lebensmittel den tierwirtschaftende Agrarsektor bedroht4.

Nun zur Frage der Gesundheitsgefährdung durch eine vegane Ernährung. B12 ist ein Vitamin, das ausschließlich von Bakterien synthetisiert wird. Durch die starke Sterilisierung und Entkeimung in der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion kommt dieses Vitamin in unseren Supermarkt-Lebensmitteln nicht mehr vor5. Die Problematik B12 zu bekommen ist daher kein rein „veganes Problem“, sondern ein grundsätzliches. In den Produktionsprozessen der Tierindustrie ist es Gang und Gäbe Tieren B12 künstlich zu verabreichen, d.h. Tiere , die dann zu sogenannten Nahrungsmitteln vernutzt werden, supplementieren B126. Über diesen Umweg erhalten Konsument/innen von tierlichen Produkte ihr B12. Bei einer veganen Ernährung erfolgt die Supplementierung von B12 statt durch den Umweg über tierliche Produkte entweder auf direktem Weg über B12-Nahrungsergänzungsmitteln oder ebenfalls indirekt, hier jedoch durch nicht-tierliche Produkte, die mit B12 versetzt werden zum Beispiel B12-Zahnpasta7. Wenn die Versorgung von B12 gewährleistet ist, ist eine vegane Ernährung nicht nur unbedenklich 8 sondern hat auch gesundheitliche Vorteile. Das wird auch durch die Academy of Nutrition and Dietetics bestätigt9.

Der gesundheitliche Aspekt ist zwar schön, jedoch ist für uns das einzig hinreichende Argument für Veganismus, dass nichtmenschliche Tiere ebenso fühlende und lebensinteressierte Wesen wie wir Menschen sind und keine Ressource zur unserer Verwendung. Sie sind nicht etwas, sondern jemand.


Quellenangaben

  1. http://www.bild.de/bild-plus/politik/inland/vegan/wie-gefaehrlich-ist-vegan-wirklich-43905076,var=b,view=conversionToLogin.bild.html
  2. https://www.boell.de/de/unsere-gruene-woche-2016
  3. http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/ernaehrungsstreit-vor-weihnachten-experte-warnt-vegane-ernaehrung-kann-zu-dauerhaften-behinderung-fuehren_id_5171746.html
  4. Bujok, Melanie 2004: Die entführten Stiere Europas. Über Möglichkeiten, Probleme und Grenzen politischen Lobbyings im Politikfeld Tierschutz im europäischen Mehr-Ebenen-System, in: Tierbefreiung. Das aktuelle Tierrechtsmagazin, 45.
  5. Gregor, Dr. Micheal (2015): How Not to Die: Discover the Foods Scientifically Proven to Prevent and Reverse Disease. Flatiron Books.
  6. http://www.hl-futter.de/files/vitamine_awt.pdf
  7. https://vebu.de/news/1274-gut-versorgt-durch-vitamin-b12-zahncreme
  8. http://nutritionfacts.org/
  9. https://vebu.de/ada